13.07.2020 - Märkte: Horrorszenarien und Untergangsorakel

Maerkte-Horrorszenarien-und-Untergangsorakel

Angst und Gier sind keine guten Ratgeber

Drama um jeden Preis: „Blutbad“, „Sensenmann“, „Inflations-Tsunami“ … je dramatischer, desto besser, denn damit steigt die Aufmerksamkeit für die Crash-Propheten. Aber in der Vermögensanlage ist es selten angeraten, sich von Angst oder von Gier leiten zu lassen. Stattdessen empfiehlt es sich, die Situation kühl zu analysieren und seine Schlüsse daraus zu ziehen. In jeder Marktphase.

Die alte Medienweisheit „Only bad news are good news“ ist für einige prominente Gesichter im Finanzmarkt-Geschehen zur Maxime geworden. Ja sogar zum Geschäftsmodell. Die Rede ist von den so genannten „Crash-Propheten“. Sie umweht ein Hauch von Kassandra, auf die in Troja niemand hörte, sie haben hunderttausende Abonnenten auf YouTube, sie halten sich hartnäckig in den Bestsellerlisten und geistern immer wieder durch die Medienlandschaft. Was sie eint: das unbedingte Streben nach Aufmerksamkeit. Auch dann, wenn die eigenen Aussagen kaum durch Fakten zu belegen sind. Aber Untergangszenarien verkaufen sich eben gut. Dieses Phänomen wurde bereits ausführlich wissenschaftlich untersucht und ist dadurch begründet, dass schlechte Nachrichten bei Menschen evolutionär bedingt mehr Emotionen freisetzen.

Aufmerksamkeit um jeden Preis
Deshalb setzen die Orakel auf Drama. Je dramatischer die Wortwahl, desto besser. Begriffe wie „Blutbad“, „Sensenmann“, „Insolvenz-Tsunami“ und Schlimmeres sind keine Seltenheit. Aber was genau prophezeien diese vermeintlichen Hellseher? Eine elementare Vorhersage ist eine massive Inflation, ja sogar Hyperinflation, die unweigerlich zum Crash führen wird. Diese Prophezeiung ist nichts Neues. Schon nach der Finanzkrise 2008 wurde sie gebetsmühlenartig wiederholt. Nur der Zeitpunkt verschob sich immer weiter nach hinten. Und auch jetzt deuten die Zeichen darauf hin, dass das Jüngste Gericht der Weltwirtschaft wohl vertagt werden muss.

Keine Panik
Denn ganz so einfach ist das mit der Inflation nicht. Grundsätzlich hängt sie stark davon ab, welcher Warenkorb gemessen wird. Also eine bestimmte Zusammenstellung von Gütern und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft anbietet. In der Regel ist aber die Rede von der Güterpreisinflation, die in Deutschland über den Verbraucherpreisindex gemessen wird. Sie steigt wiederum nicht an, wenn ausreichend Produktionskapazitäten verfügbar sind und Unternehmen im globalen Wettbewerb die Preise drücken.

Industrie hat Luft nach oben
In den USA liegt die Kapazitätsauslastung aktuell bei 64,9 Prozent gegenüber Normalsätzen zwischen 75 und 80 Prozent. Auch in China sind die Kapazitäten der Industrie kaum ausgelastet, so dass weltweit erhebliche Nachfragesteigerungen keine Preissteigerungen auslösen dürften. Die längerfristige Gefahr für die Weltkonjunktur dürfte somit wahrscheinlich Deflation und nicht Inflation sein. Zumal auch die Maßnahmen in Reaktion auf Corona wahrscheinlich einen nur sehr gemäßigten Aufschwung in Gang setzen werden und keineswegs einen preistreibenden Boom. Obwohl es sich dabei um die bis dato stärksten Anstrengungen zur Ankurbelung der Konjunktur handelt.

Kein Inflationsdruck durch Löhne
Auch die Lohnentwicklung ist ein Inflationsindikator. Aber in Anbetracht der aktuell hohen Arbeitslosenquote von 20 Prozent in den USA und Kurzarbeit in einigen deutschen Unternehmen scheidet Lohndruck zumindest auf absehbare Sicht als Inflationsquelle aus. Dem hohen Güterangebot beziehungsweise den Kapazitätsreserven steht also wahrscheinlich eine schwache Nachfrage gegenüber.

Aus dem Reich der Mitte
Auch in China ist keine Beschleunigung der Inflationsrate in Sicht. Der Preisanstieg für Schweinefleisch, der mit seiner vorübergehenden Verdoppelung die chinesische Teuerungsrate lange Zeit angeheizt hatte, ist vorbei. China hat traditionell relativ niedrige Inflationsraten im Güterbereich, da die Produktivitätszuwächse der Erzeugung nach wie vor bei einem Vielfachen der westlichen Länder liegen. Auch die chinesische Notenbank braucht sich damit – ebenso wie die westlichen Notenbanken – vorläufig keine Gedanken über steigende Inflationsraten zu machen.

Sparverhalten bremst Inflation
Ein wichtiges Phänomen in Sachen Inflation ist auch die demographische Entwicklung. Während die Menschen mit Mitte 40 in der Regel am stärksten als Konsumenten auftreten, fangen sie danach an zu sparen. Sparen ist gerade das Gegenteil von Inflation. Auch die niedrigen Zinsen haben interessanterweise dazu geführt, dass viele mehr sparen als zu konsumieren.

Und die Schulden?
Was aber, wenn die großen Volkswirtschaften ihre Anleihenschulden umfassend zurückzahlen würden? In der Tat könnte das eine Finanzkrise auslösen. Aber wie wahrscheinlich wäre dieses Szenario? Schon die historische Betrachtung spricht zum einen dagegen: Selbst im Boom nach den beiden Weltkriegen gab es keine Schuldentilgung. Zum anderen haben die Notenbanken wohl einen neuen Weg gefunden, um das Schuldenproblem anzugehen. Entweder erklären sie die von ihnen aufgekauften Staatsanleihen für wertlos oder als Titel ohne Zins und mit unbegrenzter Laufzeit. Ersteres wäre faktisch eine Schuldenstreichung, also schwierig. Ein Verschieben des Problems in die Zukunft, also unendliche oder sehr lange Laufzeiten der Anleihen bei Niedrigstzins, ist daher erheblich wahrscheinlicher. Also ist das eingangs skizzierte Szenario zu pessimistisch. Und unrealistisch zudem. Denn woher sollten die Mittel kommen, das Gros der Schulden zu tilgen?

Erprobte Methode
Bereits während der Griechenland-Krise wurden griechische Schulden ähnlich gehandhabt. Mehrere europäische Länder hatten in den vergangenen Jahren bereits mit der Ausgabe 100-jähriger Anleihen sehr gute Emissionserfolge. Die Kurse dieser Anleihen notieren heute weit über dem Ausgabepreis. Solange die Notenbanken die Zinsen immer tiefer schrauben, sind institutionelle Anleger wie etwa Versicherungen geradezu gezwungen, solche Anleihen zu kaufen. Obwohl sie für einen konservativen Privatanleger eigentlich undenkbar ertragsarm und trotzdem risikoreich erscheinen. Auch die Amerikaner steuern längere Laufzeiten an. Bisher wurden längstens 30-jährige Anleihen ausgegeben, die Ausgabe von 50-jährigen Titeln ist jedoch geplant.

Aktien im Fokus
Doch was bedeutet das alles für den Anleger? Aktien erscheinen zurzeit aussichtsreich: Aus dem Blickwinkel der Markttechnik stehen genügend große und liquide Anleger an der Seitenlinie, bereit zum Kauf von Aktien. Aus dem Blickwinkel der Bewertung dürften Aktien wohl die einzige Anlageklasse mit vernünftigen Rendite- beziehungsweise Dividendenaussichten sein. Und an den Börsen wird die Zukunft gehandelt: Trotz der aktuell desolaten Wirtschaftssituation in vielen Ländern könnten sich die Wirtschaftsaussichten durch die historisch einmaligen Stimulierungsmaßnahmen von Regierungen und Notenbanken ganz wesentlich bessern.

Wenn die Inflation doch kommt?
Selbst wenn, beziehungsweise gerade, wenn die Inflationsraten entgegen unserer heutigen Prognose irgendwann doch stärker steigen sollten, wären Beteiligungen an Unternehmen mit starker Marktposition ein guter Schutz. Warum? Weil Unternehmen mit gefragten Produkten und wenig Konkurrenz ihre Preise anheben können und dies in Zeiten steigender Inflation auch gerne tun. Aktien sollten daher in keinem Depot fehlen, auch wenn die Crashpropheten etwas anderes empfehlen.

Diese verdienen mit der Angst gerne gutes Geld. Im Englischen gibt es dafür sogar einen Fachbegriff: „German Angst“. Als Vermögensverwalter erachten wir es dagegen als wichtige Aufgabe, unsere Kunden auch in schwierigen Zeiten zu begleiten und zu helfen, gute Investments durchzuhalten. In Phasen von Börsenrückgängen sehen sich düstere Orakel schnell bestätigt. Auf lange Sicht ist es jedoch entscheidend, sich weder von Angst noch von Gier leiten zu lassen, sondern die Märkte in jeder Phase kühl zu analysieren. Und mit Blick auf die Untergangsszenarien zu bedenken, dass auch eine defekte Uhr zweimal am Tag richtig geht.

 

 

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