13.08.2020 - Märkte: Kapitalmarktkommentar

Maerkte-Kapitalmarktkommentar

"16.000 Punkte für den DAX sind realistisch“

Im Gespräch mit dem Finanzjournalisten Bernd Heller bestätigte Dr. Jens Ehrhardt seine jüngste Prognose für den DAX: 16.000 Punkte im Frühjahr 2021 seien „realistisch“. Eigentlich sei die Prognose sogar „bescheiden“, denn sie liegt nur rund 15% über dem Höchststand in diesem Jahr – wenig angesichts der Masse an Liquidität, die die Notenbanken als entscheidende Kraft in den Wirtschaftskreislauf pumpen und von der ein guter Teil mangels Alternativen in die Aktienmärkte fließen dürfte.

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Durch Corona ist vieles anders geworden. Woran orientieren Sie sich aktuell?

In einer Konjunkturkrise hagelt es schlechte Nachrichten, aber die Börse findet trotzdem irgendwann einen Boden und geht wieder hoch. Die Börse nimmt einfach zukünftige Entwicklungen vorweg und ist kein Spiegel von täglichen Wirtschaftsnachrichten. Das sieht zwar manchmal so aus, aber die Börse nimmt sehr stark vorweg – im Grunde ein halbes Jahr. Wenn man nun zu sehr auf die Tagesnachrichten sieht, kann man sich irritieren lassen. Aber ich sehe ganz deutlich die monetären Einflussfaktoren: Die Notenbanken der Welt haben viele, viele Billionen an neuem Geld hereingeschoben, und dieses Geld muss mittelfristig angelegt werden.

Ein Teil davon wird auch in die Aktien gehen, allein weil die Alternativen wie Anleihen keinen Zins bringen und auch Immobilien noch eine geringe Rendite bieten. Da bleiben nur noch Aktien und einige, zum Beispiel die Goldaktien, haben ja durchaus gute Gewinne. Die Börse ist auch nicht im Gleichschritt nach oben gegangen. Es sind die Aktien gestiegen, die gute Gewinne haben, in Amerika die Wachstumswerte, die durch die Coronakrise im Internet profitiert haben, oder die Goldaktien vor dem Hintergrund des gestiegenen Goldpreises. Es geht zwar auch der Gesamtindex nach oben, aber man sollte sich auf die Bereiche konzentrieren, wo die Gewinne steigen.

Mit der Voraussicht der Börse ist das so eine Sache. Trump will ja die Wahlen verschieben. Was sieht die Börse dann voraus?

Die Börse hat die Wahl noch nicht mit einberechnet, glaube ich. Weder die Tatsache, dass Trump in den jüngsten Umfragen 10 bis 15 Prozentpunkte hinter Biden lag, noch in den Zeiten davor, als es für Trump günstiger aussah, wurde das kommentiert. Anscheinend wartet die Börse noch ab. Politische Nachrichten kommentiert die Börse häufig erst dann, wenn diese feststehen, und vorher wird da nicht viel vorweggenommen. Sollte Trump die Wahl tatsächlich verschieben, dann wäre das eher eine positive Nachricht, denn zuletzt sah es ja so aus, dass Trump die Wahlen verlieren würde – und die Börse bevorzugt natürlich Trump. Wenn Biden kommt, dann werden die Steuern hochgehen und dann könnte es unangenehmere Phasen für die Börse geben. Also nehme ich an, dass eine Verschiebung von der Börse sogar honoriert werden würde. Aber so weit ist es auch noch nicht, und für ein Einpreisen möglicher Wahlergebnisse ist noch zu früh.

Mit dem Konflikt China/USA und dem Brexit gibt es ja zwei weitere Unwägbarkeiten, die die Börse belasten könnten. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe immer gesagt, den Brexit kann man vergessen, der macht keinen großen Eindruck auf die Börsen. Großbritannien macht, was die Weltwirtschaft angeht, gerade mal etwa zwei Prozent aus. Das wird die Weltbörse nicht umwerfen. Deutschland hat natürlich einen ziemlichen Exportanteil Richtung GB, und das kann dem einen oder anderen Unternehmen natürlich wehtun, aber die Gesamtbörsentendenz sollte sich davon kaum beeinflussen lassen, genauso wenig wie in den letzten zwei Jahren.

Der Konflikt zwischen den USA und China ist natürlich eine andere Hausnummer. Gäbe es da einen Stellvertreterkrieg, würde die Börse sicherlich negativ reagieren. Natürlich würden wieder Spezialbereiche von solchen kriegerischen Auseinandersetzungen profitieren, so brutal es klingt. Aber die Börse insgesamt würde auch, wenn sich der Konflikt massiv verschärft, zurückkommen. Ich erinnere mich noch an den Irakkrieg: In dem Moment, als der Krieg losging, ging die Börse nach oben und nicht nach unten. Also man muss da immer vorsichtig sein mit allzu simplen Rückschlüssen. Die Börsen lieben keine Unsicherheit, das ist richtig.

Würde sich jetzt ein Konflikt aufschaukeln, sähen die Börsen das nicht gern. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Trump die Sache zu sehr nach vorne treibt. Durch neue Zölle gegen China würde er nicht nur die Situation verschärfen, sondern auch den amerikanischen Konsumenten belasten, was vor der Wahl sicherlich negativ auf ihn zurückfallen dürfte. Das halte ich daher für unwahrscheinlich. Auf eine kriegerische Auseinandersetzung wird er es auch nicht ankommen lassen. Aber eine „halbe“ Krise, das wäre ihm sicherlich zuzutrauen. Denn die Amerikaner sagen ja „Wechsle nicht die Pferde im Fluss“, also tausche in der Krise nicht die Führer des Landes aus. Darauf könnte Trump unter Umständen setzen und künstlich eine Krise herbeiführen. Aber das wird er auch nicht so weit treiben, dass daraus eine Börsenbaisse entsteht. Eine solche würde nur bei massiven geopolitischen Ereignissen einsetzen oder wenn die amerikanische Notenbank ihre Politik ändern würde, denn die ist die eigentliche Kraft.

Die Regierungen geben zwar viel Geld aus, und das ist gut für die Konjunktur, aber in Sachen Liquidität sind die amerikanische Notenbank, die EZB und auch die Notenbanken in China und Japan für die Börsen die entscheidenden Größen. Hier steht die Ampel eindeutig auf Grün und deswegen bin ich auch der Ansicht, dass auch die Börsenampel mittelfristig auf Grün bleiben wird. Die Notenbanken haben es geschafft, die Anleihen auf unvernünftig hohe Kurse zu treiben, sogar in Negativzinsen hinein, und die Aktienmärkte sind ja bisher nur indirekt mit nach oben gekommen durch die bessere Verzinsung bei den Dividendentiteln. Wenn die Notenbanken weiterhin Geld in die Märkte pumpen, dann werden auch die Aktienmärkte weiter steigen. Entweder weiter indirekt oder aber die Notenbanken werden früher oder später direkt Aktien kaufen, denn die Anleihen gehen ja irgendwann aus, und dann müssten sie sich etwas anderes einfallen lassen. Mit Unternehmensanleihen haben sie schon angefangen. Der Chef der US-Notenbank, Powell, hat zuletzt ganz klar gemacht, dass er weiterhin stark auf Liquidität setzt, und das ist für die Börsen sehr wichtig.

Zuletzt gab es ja Dr. Ehrhardt auf dem Titel von Focus Money mit der Prognose „DAX im Frühjahr 2021 bei 16.000 Punkten!“ Welche Euphorie hat Sie da geritten?

Schon letztes Jahr hatte ich 16.000 Punkte für den DAX prognostiziert, und ich stehe dazu. Gut, dann kam Corona, aber auch auf dem Höhepunkt von Corona habe ich davon gesprochen, und da stand der DAX etwa halb so hoch. 16.000 Punkte sind realistisch, denn das wären gerade mal ungefähr 15% höher als das Hoch dieses Jahres. Wenn Sie sehen, was alles an Liquidität in die Märkte reingepumpt worden ist und die alten Kurse dann nur um 15% überboten werden würden, das ist meine Prognose sogar noch bescheiden. Letzten Herbst habe ich auch gesagt, dass der Goldpreis auf 2.000 US-Dollar steigen würde. Da stand der Kurs noch 1.500. Das ist inzwischen aufgegangen, auch wenn damals jeder gesagt hat, es wäre ja schon halb unseriös, solche optimistischen Prognosen zu machen.

Aber: Wo soll das Geld hin? Wenn so viel Geld neu in die Märkte kommt, muss man einfach sehen, dass Aktien nicht ein Spiegel von Gewinnen sind, sondern von Angebot und Nachfrage. Jetzt ist es so: Viele Anleger sind noch vorsichtiger geworden und anstatt mit den steigenden Kursen optimistischer. Gerade in Amerika sind die Privatanleger zurzeit fast so vorsichtig wie auf dem Tiefststand im März. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise schwankt die Stimmung mit den Kursen. Aber die Anleger glauben wohl, diese Aufwärtsbewegung sei nur eine Bärenmarkt-Rallye, also eine Aufwärtsbewegung im Abwärtstrend. Wären sie optimistisch und überzeugt davon, dass der DAX steigt, dann wären die Anleger schon investiert. Doch es bestehen noch Zweifel, und das ist eigentlich ein ganz gesundes Zeichen. Natürlich muss man immer vorsichtig sein, denn niemand Mensch weiß, wo die Börse tatsächlich hingeht. Wenn sich die Coronalage wesentlich verschlimmert, müsste ich die Prognose revidieren. Aber man im Endeffekt muss man sehen: Das, was die Aktienkurse treibt, ist die Liquidität der Notenbanken. Die ist weiterhin außerordentlich, sogar historisch einmalig gut. Deswegen bin ich vorsichtig mit zu negativen Prognosen.

Die negativen Prognosen gehen davon aus, dass alles so verschuldet ist und es deswegen einen Finanzcrash geben muss. Die Verschuldung – es wird einfach heute so gemacht, ich will das nicht bewerten. Aber die Notenbanken drucken einfach das Geld, welches die Regierungen brauchen, und können sich unbegrenzt verschulden. Sie kaufen Anleihen und vielleicht irgendwann auch Aktien und bezahlen sie mit neu gedrucktem Geld. Frisch aus dem Tresor geht es dann in den Wirtschaftskreislauf. Solange die Notenbanken diesen Mechanismus so steuern, braucht man sich um die Verschuldung zumindest heute keine Gedanken zu machen. Viele denken noch weiter: Bei den Geldmengen gibt es bald Inflation. Das hat man schon während der Finanzkrise 2008 gesagt: „Jetzt kommt Weimar, galoppierende Inflation“ habe ich häufig gelesen. Und was passierte? Die Inflationsziele der Weltnotenbanken, ob das Amerika, Europa, Japan war, sie haben alle 2% angestrebt, und keiner hat es erreicht. Also Inflation gab es durch das ganze Gelddrucken bisher nicht und wird es auch in nächster Zeit nicht geben.

Im Gegenteil: Die ganzen Zombie-Unternehmen, die sonst bei höheren Zinsen längst nicht mehr produzieren könnten und aus dem Markt ausscheiden würden, bleiben dank des vielen Geldes bestehen. Da man die alle durchfüttert, produzieren die weiterhin Güter und drücken damit die Preise. Die Inflation wird eher gedrückt, vielleicht sogar bis hin zu einer Deflation. In Asien haben sie in vielen Ländern, z.B. in Taiwan, jetzt Deflation. Sogar in Australien gehen die Preise runter, zum ersten Mal seit 22 Jahren. Also Inflation ist erst einmal auf Sicht von 1 bis 2 Jahren – und viel länger denkt sowieso kein Mensch an der Börse – kein Thema.

Wenn eine Inflation käme, sagen wir in 3 Jahren, etwa weil sich die Staaten sich weiterhin wahnwitzig verschulden würden, dann sollte man aufpassen, denn dann müssten die Notenbanken die Zinsen raufsetzen, um die Inflation einzugrenzen. Dann sähe die Konjunktur ganz schlecht aus, viele Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, und soziale Unruhen wären wahrscheinlich. Das würde den Börsen auch nicht bekommen. Doch ein solches Szenario ist meiner Meinung nach Jahre weg.

Natürlich muss man darauf achten, wie sich die Inflation entwickelt. Das sieht man sehr gut an der Umlaufgeschwindigkeit des Gelds, und die geht im Moment sogar immer noch weiter zurück. Es ist vielleicht kein normales Szenario und keine übliche Prognose. Aber ich wehre mich dagegen, mich diesem vielfach anzutreffenden Pessimismus anzuschließen. Ich meine eher, dass man mit guten Sachwerten, sprich soliden Aktien, etwa mit einer hohen Dividendenrendite, gut dastehen sollte. Mit Gold, Goldaktien und defensiven Aktien dürfte man wahrscheinlich am besten durch die Krise kommen, denn irgendwo muss das frisch gedruckte Geld hin.

Inzidenter widerlegen Sie ja alle Thesen, der Crash-Propheten. Ficht Sie deren Prognosen überhaupt noch an?

Schon vor 50 Jahren habe ich Leute gehört, die sagten, alles bräche zusammen. Nur noch Gold kaufen und Geldscheine und in den Tresor legen sei die einzige Chance zu überleben. Ich will mich nicht darüber lustig machen. Das sind ja viele, die solide Ansichten vom Wirtschaftsgeschehen haben, die sagen, man solle keine Schulden machen, die Notenbanken sollten auf solide Verhältnisse achten und eben nicht ständig so viel Geld zur Verfügung stellen, denn das fördere diese Zombie-Unternehmen. Es gibt ja durchaus negative Entwicklungen, wenn Zombie-Unternehmen produzieren und die Preise niedrig halten, denn das schädigt auf Dauer die gesunden Unternehmen. Diese können ihre Preise nicht erhöhen und werden darum auch nicht investieren.

Früher hieß es, erst sparen und dann mit dem gesparten Geld investieren, das sei eine gesunde Wirtschaftsentwicklung. Aber wenn wir heute keine Kredite mehr aufnehmen und nur noch sparen, also diese ganze Kreditwirtschaft zusammenstreichen, dann bekommen wir eine komplette Wirtschaftskatastrophe. Wir den Rubikon bereits überschritten. Solche normalen, soliden Verhältnisse sind nicht mehr möglich sind. Die Notenbanken verschieben wahrscheinlich nur den Tag des Erwachens, wo das Ganze sich einmal negativ auswirken wird. Ich bin aber überzeigt davon, dass das noch Jahre entfernt ist. Und solange die Anleger nicht alle stark im Aktienmarkt investiert sind – das wäre gefährlich, denn das wären dann alle auch potenzielle Verkäufer –, solange ist es zu früh negativ zu sein. Wir dürften noch einige Jahre in diesem Schwebezustand leben, und der Tag X, an dem die ganze Sache übel endet, liegt noch ein gutes Stück in der Zukunft. Ganz einfach deshalb, weil Notenbanken sich unendlich verschulden können. Solange keine Inflation da ist, können sie mit der Liquidität die Löcher stopfen.

All diese Crash-Gurus sind ja auch zum Teil sehr anerkannte Leute, die Wirtschaft studiert haben und solide Thesen vorbringen und sagen, dass die Notenbanken diese unsoliden Maßnahmen nicht treffen dürften. Diese Leute haben sehr wohl ihre Argumente. Doch wie sähe deren Anlagepolitik aus? Aktien würden sie nicht kaufen, sondern eher Gold. Das tue ich auch. Aber nur Gold? Man sollte nicht nur auf eine Anlageklasse setzen, sondern besser streuen. Wenn würde geschehen, wenn z.B. Putin auf die Idee käme, das ganze russische Gold, das die russische Notenbank in den letzten Jahren gekauft hat, auf den Markt zu werfen? Oder der Internationale Währungsfonds? Der IWF hat das früher schon mal gemacht. Die haben eine ganze Menge, das würden den Goldpreis ordentlich drücken.

Es gibt keine Einbahnstraße, keine allein gültige Lösung. Aber in dem schwierigen Szenario von heute glaube ich, dass man mit meinem Ansatz wahrscheinlich richtig fährt – und ich mache das Ganze ja seit über 50 Jahren. Eine Garantie kann einem natürlich keiner geben, und es kann die Politik, Corona oder noch etwas Schlimmeres dazwischenkommen. Aber an der Börse leben und arbeiten wir mit Wahrscheinlichkeiten, und ich bin überzeugt, dass mein Szenario eine hohe Wahrscheinlichkeit für sich hat.

 

 

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