KI-Software sitzt mit am Tisch
KI-Software sitzt mit am Tisch

Von Hagen Ernst, Stellvertretender Leiter Research und Portfoliomanagement

 


Von Cloud bis Software: Welche Unternehmen vom
KI-Boom profitieren

 

 

Künstliche Intelligenz bleibt das be­herr­schende Thema im Techno­logie­sektor. Während im ver­gangenen Jahr vor allem Her­steller von KI-Chips wie NVIDIA oder Broadcom von der Ent­wick­lung profi­tierten, investieren nun große Cloud-Anbieter wie AWS (Amazon), Azure (Microsoft) und Google Cloud Milliarden in den Ausbau schneller Rechen­zentren. Auch bei Unter­nehmens­kunden hat KI höchste Priorität in den IT-Budgets und der Investi­tions­schub dürfte bis 2025 noch deutlich zunehmen.

 

 

Monetarisierung als Herausforderung

 

Die Monetarisierung dieser Ent­wick­lungen bleibt jedoch schwierig. Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob und wie sich die enormen Investi­tionen lang­fristig aus­zahlen. Hier kommt den Software­unter­nehmen eine ent­scheidende Rolle zu. Nahezu alle Anbieter arbeiten derzeit daran, mit KI-Agenten, Tools und Chatbots einen konkreten Mehr­wert für ihre Kunden zu schaffen. Zwar befindet sich die Mone­tari­sierung auch in diesem Bereich noch in einem sehr frühen Stadium. Die Zahlungs­be­reit­schaft der Kunden dürfte jedoch steigen, wenn sich durch KI deutliche Effizienz­steige­rungen und Kosten­ein­sparungen rea­li­sieren lassen.

 

Im Gegensatz zu Chip- und Cloud-Anbie­tern müssen Soft­ware­unter­nehmen keine riskanten Investi­tionen in den Ausbau von Rechen­zentren tätigen. Viele haben bereits eine Vielzahl von KI-Tools ent­wickelt, die oft kostenlos in bestehende Soft­ware­lösungen inte­griert werden. Dennoch wird es noch einige Zeit dauern, bis Software­unternehmen mit ihren KI-Produkten nennens­werte Umsätze er­zielen können.

 

Automatisierung verändert die Software-Landschaft

 

Die zunehmende Auto­mati­sierung durch KI führt zunächst zu einem Rück­gang der Mit­arbeiter­zahl in den Unter­nehmen. Dies wirkt sich kurz­fristig auf die Software­ausgaben aus, da diese oft an die Anzahl der Nutzer gekoppelt sind. Lang­fristig dürften die Kunden jedoch bereit sein, einen Teil der durch KI erzielten Pro­dukti­vi­täts­gewinne mit den Soft­ware­an­bietern zu teilen. Derzeit profi­tieren vor allem große Soft­ware­unter­nehmen vom KI-Trend. Neue Markt­teil­nehmer wie OpenAI sind im Soft­ware­sektor aktuell eher nicht in Sicht.

 

Soft­ware­unter­nehmen mit einer soliden Kunden­basis und gut struktu­rierten Daten haben die besten Voraus­setzungen, den Mehr­wert von KI zu reali­sieren. Solche Daten lassen sich einfacher ana­ly­sieren und in auto­mati­sierte Prozesse über­führen als unstruk­tu­rierte Infor­ma­tionen, die oft in haus­internen Soft­ware­lösungen ver­borgen bleiben.

 

Ein Beispiel für eine erfolg­reiche Posi­tio­nierung im Bereich KI ist ein US-amerikanisches Soft­ware­unter­nehmen, das ins­be­son­dere durch seine Zusammen­arbeit mit staat­lichen Insti­tu­tionen und mili­tä­rischen Orga­ni­sa­tionen bekannt ist. Das Unter­nehmen hat eine inno­va­tive Artificial Intelligence Platform (AIP) ent­wickelt, die mili­tä­rische Opera­tionen unter­stützen kann, indem sie ver­däch­tige Akti­vi­täten früh­zeitig erkennt. So kann die KI beispiels­weise Alarm schlagen, wenn mili­tä­risches Gerät in Richtung ver­bün­deter Streit­kräfte bewegt wird. Die Lösung zeichnet sich durch ihre Fähig­keit zur naht­losen Inte­gra­tion und Ana­lyse großer Daten­mengen aus. Dank der Zusammen­arbeit mit ver­schi­edenen KI-Modellen bietet die Platt­form ein hohes Maß an Flexi­bi­lität und Anpassungs­fähig­keit.

 

Produktivitätssteigerung durch Automatisierung

 

Auch ServiceNow ist im Bereich KI gut auf­ge­stellt. Die Cloud-basierte NOW-Platt­form ermöglicht die Auto­mati­sierung von Arbeits­ab­läufen und steigert so die Pro­duk­ti­vität. Routine­tätig­keiten können auto­mati­siert und gleich­zeitig menschliche Inter­aktionen gezielt unter­stützt werden. Die KI-Lösung optimiert die Ver­teilung von Arbeits­lasten und sorgt für eine dynamische, bedarfs­orien­tierte Arbeits­ver­teilung.

 

Die NOW-Plattform ist zudem sicher und skalier­bar auf­ge­baut. Sie ver­ar­beitet große Daten­mengen und gewähr­leistet dabei die Inte­gri­tät der Daten. ServiceNow gehört zu den wenigen Unter­nehmen, die bereits heute Umsätze mit KI er­zielen. Diese bewegen sich zwar noch im ein­stelligen Prozent­bereich, weisen aber ein starkes Wachs­tum auf.

 

Auch Oracle ist im Bereich KI gut auf­gestellt. Als klassischer Daten­anbieter verfügt das Unter­nehmen über umfang­reiches Know-how in der Daten­analyse und -auswertung - ein zentraler Bau­stein für erfolg­reiche KI-Anwendungen. Mit Oracle Fusion, dem Konkurrenz­produkt zu SAP im Bereich Unter­nehmens­anwendungs­software (ERP), sollen KI-Agenten nach einer Lern­phase einfache Prozesse in Bereichen wie Finanzen, Personal oder Beschaffung selbst­ständig be­arbeiten können.

 

Oracle hat Partner­schaften mit den großen Cloud-Anbietern AWS, Azure und Google Cloud geschlossen, wodurch die Oracle-Datenbank für Kunden auf allen großen Cloud-Plattformen verfügbar ist. Parallel dazu baut Oracle mit der Oracle Cloud Infrastructure (OCI) eine eigene Cloud-Lösung auf. Von besonderem Vor­teil ist dabei die lang­jährige Partner­schaft mit NVIDIA: Die NVIDIA DGX Cloud läuft auf der Infra­struktur von Oracle. Und Oracle hat guten Zugang zu den stark nach­ge­fragten Hoch­leistungs­prozessoren von NVIDIA.

 

Zu den nam­haften Kunden von Oracle zählen Zoom, Uber und TikTok. Das Unter­nehmen wächst derzeit mit über 50 Prozent deutlich schneller als die Konkurrenz. Allerdings macht das Cloud-Geschäft bisher nur rund 20 Prozent des Gesamt­umsatzes aus und die Basis ist vergleichs­weise klein. Während Oracle in der Ver­gangen­heit meist nur ein­stellig gewachsen ist, wird bis 2029 ein jährliches Umsatz­wachs­tum von 16 Prozent pro­gnos­ti­ziert. Das Unter­nehmen ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie KI neues Wachs­tum gene­rieren kann.

 

Auch Salesforce ver­fügt über ein er­heb­liches KI-Potenzial. In Call­centern könnten durch Auto­mati­sierung Ein­sparungen von bis zu 30 Prozent erzielt werden. Mit Agentforce hat Salesforce im Oktober 2024 ein neues KI-Tool auf den Markt gebracht. Dieser KI-Agent übernimmt nach einer Lern­phase einfache Arbeits­prozesse wie die Be­ar­beitung spezi­fischer Kunden­an­fragen. Ein Vor­teil von Agentforce ist laut Salesforce, dass der Agent auf einem ein­heit­lichen Code basiert.

 

Die ver­schiedenen Cloud­platt­formen von Salesforce – darunter Ver­trieb, Services, Marketing & Commerce, Daten­analytik sowie das teuer akquirierte Slack für kollabo­ratives Arbeiten – sind mittler­weile so gut inte­griert, dass Agentforce per­spekti­visch in allen Bereichen ein­ge­setzt werden kann. Darüber hinaus werden immer mehr An­wen­dungen in den Bereichen Service/Back Office, Sales und Commerce ent­wickelt, die von KI profi­tieren.

 

Besonders interessant ist das Mone­tari­sie­rungs­modell von Salesforce. Während viele Soft­ware­unter­nehmen ihre KI-Tools in Premium-Versionen bündeln, be­rech­net Salesforce für Agentforce eine nutzungs­abhängige Gebühr von zwei Dollar pro geführter Gesprächs­anfrage oder Fall­be­ar­bei­tung. Bereits 2016 hatte Salesforce mit „Einstein“ eine KI-Platt­form auf den Markt gebracht, die allerdings hinter den Er­war­tungen zurück­blieb. Nach einem ent­täuschenden Aus­blick Anfang 2024 hat die Aktie stärker korri­giert.

 

Agentforce hin­gegen gilt als aus­ge­reifter und soll Geschäfts­pro­zesse zunehmend auto­mati­sieren. Allein für die Ent­wicklung und den Ver­trieb des KI-Agenten hat Salesforce inner­halb weniger Monate mehr als 1.400 neue Mit­arbeiter ein­ge­stellt. Größere Umsätze durch Agentforce werden aller­dings erst mittel­fristig erwartet. Auf Sicht von drei bis fünf Jahren könnte Salesforce jedoch deut­liche Fort­schritte bei der Mone­tari­sierung erzielen.

 

Disruptionsrisiken aufgrund neuer Wettbewerber

 

Adobe wird aktuell kontrovers betrachtet. Das Unter­nehmen galt Mitte 2023 als einer der Haupt­profi­teure von KI. Mit Programmen wie Photoshop und Illustrator bietet das Unter­nehmen bewährte Lösungen für die Bild­ver­arbeitung – ein Bereich, der prä­desti­niert für den Ein­satz von KI ist. Mit Firefly hat Adobe ein KI-Tool auf den Markt gebracht, mit dem bereits KI-gene­rierte Bilder im Wert von über 13 Milliarden US-Dollar er­stellt wurden. Auch Videos können in­zwischen mittels KI gene­riert werden, was die Er­stellung, Perso­nali­sierung und Wieder­ver­wendung von Werbe­kam­pagnen er­heb­lich ver­ein­facht.

 

Den großen Chancen stehen aber auch er­heb­liche Dis­ruptions­risiken gegen­über. So haben im Jahr 2024 OpenAI und Meta eigene KI-Tools zur Gene­rierung von Bildern und Videos vor­ge­stellt. Dies hat zu einer Inten­si­vie­rung des Wett­bewerbs ins­be­sondere im Consumer-Segment geführt. Adobe ent­wickelte sich 2024 daher unter­durch­schnitt­lich. Aber ins­be­son­dere für Kunden, die an­spruchs­volle Werbe­kam­pagnen er­stellen, Inhalte monitoren und über ver­schie­dene Medien­formate wie Social Media, Internet oder TV aus­spielen, bieten Adobe-Lösungen um­fassende Funktio­nali­täten. Zudem bieten sie einen besseren Schutz vor Cyber­an­griffen und Urheber­rechts­ver­letzungen.

 

Hohe Investitionen in KI-Infrastruktur

 

Auch Microsoft wird im Zusammen­hang mit KI kontro­vers be­trach­tet. Mit Pro­dukten wie CoPilot und GitHub sowie seiner engen Partnerschaft und Be­teili­gung an OpenAI zählt das Unter­nehmen zu den führenden Akteuren im Bereich KI. Das Cloud-Geschäft von Azure wuchs im letzten Quartal um 34 Prozent - allein zwölf Pro­zent­punkte davon sind auf Generative KI zurück­zu­führen.

 

Die Kehr­seite dieser Erfolgs­geschichte sind jedoch die enormen Investi­tionen, die der Ausbau der KI-Rechen­zentren erfordert. Allein im letzten Quartal investierte Microsoft 14,9 Milliarden US-Dollar in den Aus­bau seiner Infra­struktur. Für das Gesamt­jahr werden die Investi­tionen auf 55 bis 60 Milliarden US-Dollar ge­schätzt. Einige Inves­toren be­fürch­ten daher mittler­weile, dass sich diese Investi­tionen nicht rechnen – während Anfang 2024 noch große Euphorie rund um KI herrschte.

      

Die Zukunft der KI: Wachstumspotenziale und Hindernisse

 

Zu Beginn der rasanten Ent­wick­lung im Bereich KI waren es vor allem die Anbieter von Hoch­leistungs­chips, die von den Fort­schritten profi­tier­ten. Nun rückt die Mone­tari­sie­rung in den Fokus. Soft­ware­unter­nehmen spielen dabei eine Schlüssel­rolle. Ins­be­son­dere in der Bild- und Video­ver­ar­bei­tung sowie im Ver­trieb lassen sich durch KI er­heb­liche Ein­spar­po­ten­ziale reali­sieren. Auch in klassische Unter­nehmens­an­wen­dungen (ERP) wie Finanzen, Beschaffung und Personal wird KI zunehmend inte­griert, um Prozesse zu ver­ein­fachen und zu auto­mati­sieren.

 

Für Anleger besonders interessant sind etablierte Unter­nehmen mit einer soliden Kunden- und Daten­basis. Diese Unter­nehmen bieten ihren Kunden bereits erste KI-Tools an, die zunehmend an­ge­nommen werden. Auch wenn die Mone­tari­sierung einige Zeit in An­spruch nehmen wird, ist davon aus­zu­gehen, dass Soft­ware­an­bieter lang­fristig einen „fairen“ Anteil an den durch KI erziel­ten Pro­duk­ti­vi­täts­gewinnen er­hal­ten werden.

 

Dennoch ist Vor­sicht geboten. Neben den Chancen birgt KI auch er­heb­liche Risiken. Die Disruptions­risiken dürften steigen – Daher ist es wichtig, neue Produkte und Wett­bewerber genau im Auge zu be­halten.

 

 

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