Der welt­weite Berg­bau­sektor stand zuletzt wieder stärker im Fokus vieler Investoren, bedingt durch die versuchte Über­nahme von Anglo American, die allerdings (vorerst) nicht zustande kam. Das letzte Gebot bewertete Anglo American mit einem Kurs von 31,11 GBP (23,68 GBP zum Schluss­kurs 07.06.2024; Aufschlag ~31%) bzw. 38,6 Mrd. GBP. Das Anglo-Management sah diese Bewertung als deutlich zu niedrig an. Anglo American muss nun seine neue Strategie, die vor allem auf die Fokus­sierung auf weniger Geschäfts­segmente bzw. Assets abzielt, möglichst schnell umsetzen und zeigen, dass man aus eigener Kraft den Firmen­wert steigern kann. Sofern Anglo keinen Erfolg mit der Umsetzung seiner Strategie hat, dürfte das Unter­nehmen schnell wieder in den Fokus als Übernahme­ziel geraten. „Objekt der Begierde“ sind dabei vor allem die Kupfer­aktivitäten.

 

Kupfer: Angebotsaussichten für nächstes Jahrzehnt so gut wie festgeschrieben 

 


Kupfer ist ein Schlüssel­roh­stoff für die Her­stellung von Elektro­fahr­zeugen, Batterien und weiteren Erneuerbare-Energien-Technologien sowie vor allem für den damit verbundenen Netz­ausbau. Die Nach­frage nach Kupfer sollte in den nächsten Jahren weiter steigen, vor allem bedingt durch globale Dekarbonisierungs­maßnahmen zur Reduktion von Treib­haus­gasen. Das Minen­angebot an Kupfererz wird aber mit hoher Wahr­scheinlich­keit nicht mit der Nach­frage Schritt halten können. Ein temporäres Angebots­hoch an Kupfererz durch zuletzt neu in Produktion gegangene Minen wird in den kommenden 24 Monaten erwartet. Generell herrscht jedoch im Prinzip seit 2013 ein Mangel an Investitionen in neue Minen­kapazitäten, da in den zurück­­liegenden zehn Jahren deutlich zu wenig investiert wurde. Hinzu kommen strukturelle betriebliche Heraus­­forderungen (u. a. höhere Kapital­intensität bei neuen Projekten), die dazu führen, dass man auf eine Phase langsameren Angebots­wachstums und damit Markt­defizite zusteuert. Im Regel­fall führt dies zu strukturell höheren Preisen. Auch auf der bedeutendsten Konferenz des Berg­bau­sektors – der „Global Metals, Mining & Steel Conference“ der Bank of America in Miami – waren jüngst die strukturellen Probleme auf der Angebots­seite bei Kupfer das Kernthema. Eine ganze Reihe von Vorstands­­vorsitzenden der welt­weit führenden Bergbau­unternehmen hält dabei Kupfer­preise jenseits von 12.000 USD pro Tonne Kursziel von Goldman & Sachs (9.840 USD/t zum Schlusskurs 07.06.2024) für erforderlich, um neue Projekte in signifikanterem Umfang zu starten. Mit Blick auf neue Kapazitäten bzw. neue Projekte ist das Erhalten von ökonomisch sinn­vollen Abbau­genehmigungen das Kernthema.

 

Störfaktoren belasten globales Minenangebot


 

In letzter Zeit wurde das globale Minen­angebot zudem von einer Reihe anderer Stör­­faktoren negativ beeinträchtigt. So kam es beispiels­­weise Ende 2023 zu einer Reihe von Produktions­unter­brechungen, welche zu einer Redu­zierung des Kupfer­angebots geführt haben. Allein die anhaltende Aus­­setzung der Produktion an der „Cobre Panama Mine“ (10 Mrd. USD Kupfer­projekt in Panama) aufgrund politischen Gegen­winds und die reduzierten Produktions­prognosen durch große Produzenten haben das weltweite Kupfer­angebot um fast drei Prozent negativ be­ein­trächtigt. Der Einbruch der Schmelz- und Raffinier­löhne – die Gebühr, die Kupfer­hütten für die Ver­arbeitung von Konzentrat zu Kathoden erhalten – bestätigte die angespannte Versorgungs­­lage. Dieser Engpass beim Angebot trifft auf hohe strukturelle Nach­­frage, vor allem aus den Bereichen Infra­­struktur & Energie­netze sowie Transport. Kupfer­hütten erfahren bei der Gewinn­entwicklung derzeit Gegen­wind durch die gesunkenen Schmelz- und Raffinier­löhne sowie die tieferen Schwefel­säure­preise. Langfristig strukturell interessant ist aber weiterhin vor allem das Recycling­geschäft. Damit der weltweite Kupfer­markt in den nächsten Jahren nicht in ein zu starkes Angebots­defizit rutscht, muss vor allem die Produktion von wieder aufbereitetem Alt­kupfer massiv steigen.  

 

"Buy versus build“ – Akquisitionen im Fokus


 

Die versuchte Über­nahme von Anglo American zeigt einen generellen wichtigen Trend im Sektor: Praktisch alle großen Bergbau­konzerne kämpfen im Kupfer­bereich in den kommenden Jahren mit einem fallenden Produktions­profil. Haupt­grund hierfür sind abnehmende Erz­­gehalte bei den vorhandenen Reserven. Viele Unter­­nehmen suchen verstärkt nach externen Wachstums­mög­lich­keiten. Stand heute ist es für die großen Unter­nehmen stellen­weise „günstiger“, einen (kleineren) Konkurrenten zu über­nehmen, als selbst die Investitionen für ein neues Minen­projekt zu stemmen. Hierbei ist auch wichtig zu wissen, dass vom Explorations­erfolg bis zum tatsächlichen Förder­beginn aktuell rund 20 Jahre eingeplant werden müssen. Mit Blick auf die erwartete Entwicklung der welt­weiten Kupfer­nach­frage müssten theoretisch bis 2050 jedes Jahr sechs neue große Minen in Produktion gehen, um den welt­­weiten Bedarf zu decken. Dabei liegt das erwartete Wachs­tum 2024 bis 2030 bei 2,5 bis drei Prozent pro Jahr. Fusionen und Über­nahmen stehen deswegen im Mittel­­punkt, da die Debatte „Kaufen oder Bauen“ wie zuvor erwähnt für „Kaufen“ spricht. Die Branche verzeichnete bereits im Jahr 2023 einen deutlichen Anstieg der M&A-Aktivitäten. Nicht nur im Segment Kupfer, sondern auch bei Aluminium- und Stahl­­­produzenten ist aktuell ein Anstieg der Aktivitäten zu beobachten.  

 

China und neue Nachfragequellen


 

In den vergangenen 20 Jahren war China größen­­mäßig der wichtigste Markt aufgrund des Immobilien­­booms sowie der sehr hohen Investitionen in Infrastruktur­projekte. Noch immer macht China ca. 50 % der globalen Nachfrage nach den meisten Metallen aus. Das Reich der Mitte hat vermutlich den Höhe­­punkt seines Wirtschafts­wachs­tums und damit seiner Rohstoff­nachfrage erreicht, sodass Bedenken über eine nach­lassende Dynamik bei der Rohstoff­nachfrage berechtigt sind. Innerhalb Chinas hat sich allerdings auch die Nach­frage der verschiedenen End­märkte geändert und der Immobilien­sektor ist inzwischen nicht mehr so bestimmend wie noch vor ein paar Jahren. 2023 entfielen beispiels­­weise rund 27 % der chinesischen Stahl­nachfrage auf den Immobilien­­sektor, 2019 waren es noch 34 %. Die Gesamt­stahl­produktion ist in diesem Zeit­raum gewachsen. Auch in China kommen die Hauptimpulse derzeit aus Infra­struktur­­maßnahmen bzw. dem Strom­netz­ausbau einher­gehend mit dem Ausbau erneuerbarer Energien. 

 

Es ist durchaus realistisch, dass wir aktuell in einen neuen Rohstoff­zyklus eintreten, der vor allem bei ausge­wählten Metallen wie Kupfer neben einer erwarteten Erholung der Welt­­wirtschaft durch weitere strukturelle Treiber unterstützt wird. Neben anhaltenden Urbanisierungs­trends in Schwellen­­ländern sind vor allem die welt­weiten Anstrengungen zur Dekarbo­nisierung, also der Ausbau der rohstoff­intensiven erneuerbaren Energie­erzeugung und die Elektri­fizierung (Elektro­­fahr­­zeuge und Lade­­infra­struktur) zu nennen. Auch neue und zuletzt stärker in den Fokus rückende Nachfrage­quellen wie Rechenzentren für künstliche Intelligenz, die weltweit sehr stark ausge­baut werden, dürften so schnell nicht verschwinden. Rechen­­zentren für KI-Anwendungen sind sehr energie­­intensiv und haben einen sehr hohen Strom­bedarf. Neue moderne KI-Rechen­­­zentren benötigen daher auch oft eine eigene Energie­erzeugungs­einheit, also ein eigenes Kraft­werk. Bis 2030 könnte die Nach­­frage nach Kupfer aus dem Bereich Daten­center um mehr als 60 % steigen, eine Entwicklung, welche die These eines nach­­­haltigen strukturellen Angebots­defizits im Kupfer­bereich unterstützt.  

 

Fazit


 

Nach einem Anstieg um fast 30 % auf rund 11.000 USD je Tonne fiel der Kupfer­preis zuletzt etwa um 10 %. Auslöser waren neben schwachen Wirtschafts­daten aus China auch erhöhte Kupfer­bestände an der Shanghaier Börse (saisonaler Faktor). Am lang­­fristig positiven Ausblick für Kupfer hat sich jedoch nichts geändert. Rückgänge sind Gelegen­­heiten für „Buy the Dip“. Trotz der teil­weise erfolgten Neu­bewertung seit den 2024er Bewertungs­tiefs handelt der Sektor weiterhin mit einem Abschlag von über 20 % gegenüber dem MSCI World. Auch wenn die globalen Makro-Indikatoren von Monat zu Monat schwanken, ist der strukturelle Nachfrage­trend bei vielen Roh­stoffen ungebrochen. Angebots­­störungen und gleich­­zeitig zunehmende M&A-Aktivität tragen positiv zum Chance-/Risikoprofil bei. Die Ent­scheidung für M&A zeigt letztendlich, dass die Unter­­nehmen „Buy“ gegenüber „Build“ bevorzugen, was neue Kapazitäten erst einmal begrenzen und die Preise generell unter­­stützen sollte. Kleinere Unter­­nehmen haben ein interessantes Projekt­portfolio mit attraktiven Aussichten auf Volumen­wachstum. Unter den großen diversifizierten Unter­­nehmen hat Anglo American die strategische Neu­ausrichtung einge­leitet und sollte durch das Anlaufen der Quellaveco-Mine in Peru den Wert steigern können. Andere große Gesell­schaften haben Wachstums­optionen in der Pipeline, werden aber in den kommenden Jahren nur ein sehr begrenztes Volumen­wachstum aufweisen können.  

 

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