Von Kilian Stemberger, Fondsmanager des DJE – Equity Market Neutral Europe und als Analyst verantwortlich für Datenvalidierung und ESG

Mit Clean-Tech dem Klimawandel begegnen

Die EU verschärft ihre Klimaziele, die USA wollen dem Pariser Klimaschutzabkommen wieder beitreten und China plant CO2-Neutralität noch vor dem Jahr 2060. Die Weltpolitik sagt dem Klimawandel den Kampf an. Daraus ergeben sich für Investoren vielversprechende Möglichkeiten, denn die Bekämpfung des Klimawandels umfasst ein schier unerschöpfliches Bündel an Megatrends. Ein Anlagethema für den DJE – Alpha Global.

Um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen, ist es notwendig die Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre zu reduzieren. Das kann nur gelingen, wenn die Netto-Treibhausgasemissionen im Laufe der nächsten Jahrzehnte auf null sinken. Eine sportliche Aufgabe bei 42 Milliarden Tonnen jährlich, die nur dann mit Erfolg gekrönt werden kann, wenn bestehende emissionsarme Alternativen ausgebaut, zukunftsfähige Technologien umfassend marktfähig gemacht und wegweisende Innovationen erforscht werden. Für Investoren ergeben sich dadurch vielversprechende Möglichkeiten, denn die Bekämpfung des Klimawandels stellt ein ganzes Bündel an Megatrends dar.

Energiewende: enormes Potenzial für Sonne und Wind

Elektrizität, Heizung und Transport sind für nahezu drei Viertel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, weil die Energiegewinnung in diesen Sektoren aktuell zu 85% aus fossilen Brennstoffen erfolgt. Eine wesentliche CO2-Reduktion kann also nur durch eine rapide Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zu emissionsarmen Energiequellen stattfinden. Man bedenke dabei, dass Wasserkraftwerke einen erheblichen Eingriff in die Natur bedeuten, die Atommüllfrage trotz intensiver Forschung bis dato ungeklärt ist und Produkte wie Biodiesel im Anbau sehr ressourcenintensiv sind. Wind und Solar sind also prädestiniert dafür die primären Energieträger der Zukunft zu werden. Durch Skaleneffekte und Forschung sanken die Investitionskosten enorm, machen die beiden Energiequellen bspw. in Teilen Südamerikas bereits heute zur kostengünstigeren Alternative gegenüber der konventionellen Stromerzeugung. Aber auch noch in Zukunft geht man von dieser Trendfortsetzung aus: Im Vergleich zu den vergangenen Jahren soll Windkraft bis 2035 nochmals bis zu 27% günstiger werden, Photovoltaik sogar bis zu 45%.

Daraus resultiert enormes Wachstum mit Prognosen, die in jüngster Vergangenheit kontinuierlich nach oben angepasst werden müssen. So geht man bei der Windenergie in den kommenden 10 Jahren im Onshore-Bereich von mittlerem einstelligem Wachstum aus. Bisher nicht eingerechnet in diese Prognosen ist jedoch, dass produzierende Unternehmen aus Umwelt- und Kostengründen mehr und mehr die Umsetzung eigener Windkraftanlagen prüfen oder sich bei den Versorgern langfristige Exklusivrechte für grünen Strom (Power Purchase Agreements) sichern. Hinzu kommt ein prognostiziertes Wachstum von mehr als 20% p. a. bei den noch effizienteren Offshore-Anlagen, also den Windparks vor den Küsten, bis 2030. Sollte China das jüngst veröffentlichte Ziel - CO2-Neutralität bis 2060 - erfolgreich umsetzen, dürften all diese Prognosen zu konservativ sein.

Elektrizität
Abgesehen von der Abkehr fossiler Brennstoffe für die Stromproduktion selbst, gibt es weitere schlagkräftige Argumente, die für das enorme Potenzial erneuerbarer Energieträger sprechen: Für die Energiewende im Transportbereich ist das Thema (1) Elektromobilität und die vielversprechende Brennstoffzelle maßgeblich. Letzten Endes sind beide jedoch klimatechnisch nur tragbar, wenn der Energiebedarf mittels grünen Stroms gedeckt wird. Weiter wird eine (2) fortwährend steigende Weltbevölkerung die globale Stromnachfrage unabhängig vom Klimawandel erhöhen. Zu guter Letzt ein weniger offensichtliches Argument: Es ist bekannt, dass der CO2-Ausstoß pro Kopf in Entwicklungsländern gegenüber dem Rest der Welt deutlich niedrigerer ist. Ausschlaggebender Grund dafür ist leider kein ausgeprägteres Umweltbewusstsein, sondern mehr die Tatsache, dass 1,4 Mrd. Menschen dort der (3) Zugang zu Strom fehlt. Dieses akute Problem hätte sicherlich in einem gesonderten Artikel Aufmerksamkeit verdient, ist sehr facettenreich und alles andere als trivial zu lösen. Aber Solarkraft könnte besonders auf dem afrikanischen Kontinent einen maßgeblichen Beitrag leisten.

So kommt es, dass bis zum Jahr 2050 ein Anstieg des weltweiten Energiebedarfs um fast 60% prognostiziert wird. Das entspräche einem Offshore-Windpark von der Größe Kanadas. Tatsächlich wird der Energie-Mix dann natürlich weitaus vielschichtiger sein, aber in Verbindung mit der Nutzung CO2-negativer Technologien, erscheint das Thema CO2-Neutralität nicht unmöglich zu sein.

Innovative Speichermöglichkeiten im Trend
Mit der Elektrifizierung werden auch die Rufe nach effizienten Speicherlösungen lauter. Unser Energiebedarf schwankt über den Tagesverlauf, ist im Winter höher als im Sommer und kann sich aufgrund unvorhersehbarer Wettereignisse kurzfristig ad-hoc verändern. Hinzu kommt, dass der Wind nicht immer gleich stark bläst und die Sonne nicht immer gleich stark scheint. Konsequenz sind immer wieder auftretende Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage, die es im Sinne einer gesicherten Stromversorgung auszugleichen gilt. Es braucht also umfangreiche Speichersysteme, die den erzeugten Strom bei Bedarf ohne wesentlichen Energieverlust zur Verfügung stellen. Es gibt hier verschiedenste Lösungen, u. a. auch Wasserstoff im Zusammenhang mit der „Power-to-Gas“-Alternative (durch Wasserelektrolyse und unter Einsatz elektrischen Stroms wird ein Brenngas hergestellt, das zur späteren Verwendung gespeichert werden kann), die bekannteste ist jedoch die Batterie. Container voll mit E-Mobil-Autobatterien dienen vereinzelt schon heute als Speicher zur Aufnahme überschüssigen Stroms. Da solche Anlagen sehr platzintensiv sind ist die Effizienz der Batterien maßgeblich.

Transport
Dies gilt auch für die E-Mobilität. Mit Blick auf Reichweite und geringen Ladezeiten werden zukünftig enorme Skaleneffekten erwartet, welche diese Art des Antriebs attraktiver machen und so die Nachfrage danach steigern. Von diesem strukturellen Trend profitieren auch Ladesäulen-Hersteller, ohne die sich keine flächendeckende E-Mobilitäts-Infrastruktur schaffen lässt.

Während im PKW-Segment wohl Elektrofahrzeugen die Zukunft gehört, dürfte im gewerblichen Verkehr für mehrere Alternativen Platz sein. Besonders für die Brennstoffzelle. Im Gegensatz zur Batterie gibt es hier kein Speicherproblem. Die Reichweite ist - wie beim Verbrenner – abhängig von der Tankgröße. Und da Busse, LKWs oder gar Schiffe viel mehr Platz bieten, können sie auch größere Tanks einbauen. Kommerzielle Fahrzeuge haben den Vorteil, dass sie nicht zwingend auf eine flächendeckende Infrastruktur angewiesen sind.

Innovation und Optimierung in nicht-substituierbaren Branchen
Nicht für alle Produkte oder Branchen gibt es mittel- bis langfristig gleichwertige CO2-neutrale Ersatztechnologien, wie im Bereich der Elektrizität oder Mobilität. So wird man beispielsweise in der Infrastrukturentwicklung weiterhin auf in der Herstellung enorm energieintensiven Zement angewiesen sein und auf die Bergbaubranche ohnehin weniger denn je verzichten können. Denn die Energiewende braucht enorm viele Mineralien und Metalle, denkt man nur an die Mengen an Lithium, Nickel und Cobalt die für die Herstellung einer Batterie notwendig sind oder den (u. U. völlig unterschätzten) Kupferbedarf für den Ausbau der E-Mobilitäts-Infrastruktur.

Um ihre künftige Daseinsberechtigung zu rechtfertigen, wird es für diese Unternehmen überlebenswichtig sein, ihre Produktions- bzw. Förderungsprozesse so effizient und CO2-arm wie möglich zu gestalten. Bereits heute zeichnet sich in manchen Bereichen eine präferierte Auftragsvergabe an Zulieferer ab, die gegenüber ihren Wettbewerbern einen Nachhaltigkeitsvorsprung haben.

Dadurch wird es auch in diesen Branchen zu einem wesentlichen Wandel mit Gewinnern und Verlierern kommen. Entsprechend investieren vorausschauende Unternehmen bereits seit Jahren in die Entwicklung von klimatechnisch vertretbaren Alternativen. Mit Erfolg: In der Zementbranche ist mittlerweile ein Produkt mit deutlich niedrigerem CO2-Fußabdruck auf dem Markt, der zukünftig weiter reduziert werden kann. Durch die Beimischung von Bauschutt werden nicht nur vorhandene Materialien recycelt und weniger neuer Klinker benötigt, sondern die Produktkosten insgesamt fallen auch. Somit hat der Hersteller sogar finanziellen Anreiz das klimafreundlichere Produkt zu vertreiben.

Im Bergbau, wo schweres Gerät (etwa die haushohen Muldenkipper) den Förderprozess bestimmt, werden Unmengen fossiler Brennstoffe verbraucht. Minen-Unternehmen werden hier ihre kompletten Maschinenparks überdenken müssen. Aufgrund des hohen Energiebedarfs und der noch begrenzten Speicherkapazität von Batterien könnte dies ein interessantes Feld für brennstoffzellen-betriebene Fahrzeuge und Geräte werden. Bei solch großen Maschinen kann die Brennstoffzelle ihren Effizienznachteil gegenüber der Batterie kaschieren, da genug Raum für einen großen Wasserstofftank verfügbar ist. Viele Minen haben bereits heute ihre eigenen Photovoltaikanlagen, die sie mit Hilfe eines Elektrolyseurs zur Wasserstoffgewinnung nutzen könnten.

Fazit. Clean-Tech bietet hohes Marktpotenzial
Der Klimawandel ist ein Bündel an Megatrends, von dem Investoren auf verschiedenste Art profitieren können. Ein Teil davon wurde hier vorgestellt. Für andere Sparten wie Softwarelösungen für effizienteren Ressourcenverbrauch bspw. in der Agrarwirtschaft oder effiziente Bautechnik fehlt an dieser Stelle leider der Platz. Erwähnenswert an dieser Stelle sicher auch die CO2-negativen Technologien, die insgesamt noch in den Kinderschuhen stecken, aber ein schier unendliches Marktpotential (die Menschheit hat bereits über 2.000 Gigatonnen CO2 ausgestoßen) vor sich haben.

Insgesamt kann sich weder in der Wirtschaft eine Branche noch in der Gesellschaft ein Individuum herausnehmen. Die Bekämpfung des Klimawandels betrifft jeden und alles. Weil jeder etwas tun kann ist das deutliche Unterschreiten der 2-Grad-Marke nicht unmöglich. Notwendig dafür ist allerdings ein Umdenken, wie es in der Wirtschaft gerade stattfindet. Und das bietet bei allen Risiken auch vielversprechende Chancen.

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